Derzeit rollt die dritte Welle der Corona-Pandemie durch Deutschland. Sie wurde vor allem durch die neuen hochansteckenden Corona-Mutanten aus Großbritannien, Brasilien und Südafrika ausgelöst. Um die schnell steigenden Zahlen in den Griff zu bekommen, setzen immer mehr Bundesländer, Städte und Landkreise auf nächtliche Ausgangssperren.

Begründet wird dies damit, dass die Übertragung derzeit häufiger durch jüngere Menschen und im privaten Umfeld geschieht. Ziel der Ausgangsperre ist daher, genau diese Übertragungswege zu unterbrechen.
Wissenschaftler haben sich mit der Frage beschäftigt, ob Ausgangssperren tatsächlich ein wirksames Mittel sind, um die Infektionszahlen zu senken. Nach den Ergebnissen einer Studie an britischen Universitäten kann eine nächtliche Ausgangssperre den Reproduktionswert (R-Wert), der die Zahl der Personen angibt, die ein Infizierter durchschnittlich ansteckt, um rund 13 Prozent senken.
In der kanadischen Provinz Québec sind die Zahlen nach einer nächtlichen Ausgangssperre seit Anfang Januar gesunken. Der Epidemiologe Jay Kaufmann von der McGill Universität in Montreal führt dies auf ein Zusammenspiel verschiedener Faktoren wie die Impftquote, die Anzahl der Tests pro Tag und weitere Hygieneregeln zurück. Wie die verschiedenen Maßnahmen zusammenwirken und was der Beitrag jeder einzelnen ist, müsse allerdings in einer Studie untersucht und nicht durch einen vagen Eindruck bestimmt werden.
Dies bestätigt auch Amineh Ghorbani von der niederländischen Universität Delft. Sie untersucht das menschliche Verhalten anhand von Computersimulationen. In einem mit anderen Wissenschaftlern entwickelten Computerspiel (Projekt ASSOCC) testet sie die Wirksamkeit verschiedener Corona-Maßnahmen.

Das Ergebnis: Nächtliche Ausgangssperren können die Infektionszahlen eindämmen und damit das Gesundheitssystem vor Überlastung schützen. Laut Ghorbani sind sie allein aber kaum wirksam und sollten mit anderen Maßnahmen kombiniert werden. Außerdem müssen Ausgangssperren im Gegensatz zu einem harten Lockdown länger in Kraft bleiben, um effektiv zu wirken.
Auch in Deutschland gibt es noch keine wissenschaftliche Untersuchung zu diesem Thema. Professor Christof Schütte, Präsident des Zuse-Instituts Berlin, hält Ausgangssperren ebenfalls nur dann für ein wirksames Mittel, wenn sie mit anderen Maßnahmen zusammen beschlossen und wirklich beachtet werden.

https://www.dw.com/de/faktencheck-wie-wirksam-sind-nächtliche-ausgangssperren/a-57045074