Die vergangenen sieben Tage haben erneut gezeigt, wie eng geografisch weit auseinanderliegende Ereignisse für international mobile Menschen zusammenrücken können. Ein Erdbeben vor der kolumbianischen Pazifikküste, eine gekenterte Passagierfähre auf dem Kariba-See in Simbabwe, ein tödlicher Busunfall polnischer Pilger in Ungarn und ein Hubschrauberabsturz in einem kenianischen Wildreservat stehen exemplarisch für die Bandbreite an Risiken, denen Reisende in einer einzigen Woche ausgesetzt sein können.
Im Folgenden stellen wir den Forecast zur kurz- bis mittelfristigen Risikoentwicklung dar – mit besonderem Blick auf Themen, die Deutschland und Europa unmittelbar betreffen: die islamistische Bedrohungslage nach dem Anschlag auf den Berliner Christopher Street Day, die zunehmende Bedrohung kritischer Infrastruktur durch Drohnen und Sabotageakte, eine aktive Cyberkampagne gegen Geschäftsreisende sowie die anhaltende Wald- und Hitzelage in Südeuropa. Den Abschluss bildet ein strategischer Ausblick mit konkreten Handlungsfeldern für Unternehmen mit Reisetätigkeit in und aus Europa.
Islamistischer Terrorismus in Deutschland und Europa
Der Anschlag auf den Berliner Christopher Street Day am 25. Juli, bei dem ein Attentäter mit einem Fahrzeug in eine Menschenmenge im Tiergarten fuhr und anschließend mit einer Machete auf Umstehende einschlug, hat die Diskussion über die islamistische Bedrohungslage in Deutschland neu entfacht. Eine Frau wurde getötet, 16 weitere Menschen zum Teil schwer verletzt; der Täter, ein deutscher Staatsbürger mit belegten Kontakten zum sogenannten Islamischen Staat, wurde am Folgetag bei seiner Festnahme erschossen. Das Bundeskriminalamt führt aktuell 410 Personen als islamistische Gefährder, die Beratungsstelle des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge gegen Radikalisierung verzeichnete allein im ersten Halbjahr 2026 einen spürbaren Anstieg der Anfragen, den sie unter anderem auf die eskalierende Nahostlage zurückführt. Das Risikoprofil entspricht damit weiterhin überwiegend dem einzeln handelnder, oft junger Täter, die kaum im Vorfeld zu erkennen sind, und weniger komplex geplanten Gruppenanschlägen.
Eintrittswahrscheinlichkeit: Mittel – die Wahrscheinlichkeit eines weiteren islamistisch motivierten Einzeltäter-Angriffs auf eine öffentliche Veranstaltung oder einen belebten Ort in Deutschland oder einem westeuropäischen Nachbarland innerhalb der kommenden drei bis sechs Monate wird von Sicherheitsbehörden als erhöht eingeschätzt, ohne dass ein konkretes Datum oder Ziel bekannt ist.
Empfehlung: Unternehmen sollten Mitarbeitende, die dienstlich Großveranstaltungen, Bahnhöfe oder belebte Innenstadtbereiche in Deutschland und Europa besuchen, für eine erhöhte Umgebungswahrsamkeit sensibilisieren, klare Verhaltensregeln für den Ernstfall (Flucht vor Verstecken vor Angriff) kommunizieren und bestehende Notfall- und Kommunikationspläne auf ihre Aktualität prüfen.
Bedrohung kritischer Infrastruktur durch Drohnen und Sabotage
Die Häufung von Drohnenzwischenfällen an europäischen Flughäfen und militärischen Einrichtungen hat sich in den vergangenen Wochen fortgesetzt. Anfang August wurde am deutschen Cargo- und NATO-Luftdrehkreuz Leipzig/Halle eine mit Sprengstoff bestückte Drohne entdeckt, die ein Frachtflugzeug streifte, ohne zu detonieren; der Flugbetrieb kam zeitweise vollständig zum Erliegen, die Bundesanwaltschaft übernahm die Ermittlungen. Parallel dazu mehren sich Berichte über beschädigte Unterseekabel in der Ostsee, mutmaßlich durch Anker von Schattenflotten-Schiffen, sowie über Drohnenüberflüge nahe Bundeswehr-Standorten. Die Deutsche Flugsicherung registrierte bereits 2025 rund 144 Drohnenüberflüge im deutschen Luftraum, mit einem Schwerpunkt am Flughafen Frankfurt.
Eintrittswahrscheinlichkeit: Hoch – weitere Drohnensichtungen mit kurzfristigen Sperrungen einzelner Flughäfen oder Bahnstrecken in Deutschland und Nachbarländern sind in den kommenden Wochen wahrscheinlich; ein gezielter Sabotageakt mit größerem Schadensausmaß ist möglich, aber schwerer vorherzusagen.
Empfehlung: Reisende und Reiseverantwortliche sollten bei der Planung von Flügen über betroffene Drehkreuze Pufferzeiten einplanen, alternative Flughäfen und Bodenverkehrsmittel als Rückfalloption bereithalten und sich vor Abflug über aktuelle NOTAMs beziehungsweise Fluginformationen der jeweiligen Airline informieren.
Cyberrisiko für Geschäftsreisende
Die von Microsoft öffentlich gemachte Kampagne „CaptiveCrunch“ zeigt exemplarisch, wie gezielt Geschäftsreisende inzwischen als Einfallstor für Unternehmensnetzwerke genutzt werden: Über präparierte oder mitgeschnittene WLAN-Zugänge in Hotels und an Flughäfen versuchen die mutmaßlich russischen Angreifer, Zugangsdaten abzugreifen und Überwachungssoftware auf Endgeräten zu platzieren. Die Reise- und Hotelbranche verzeichnete im Mai 2026 mit durchschnittlich 2.291 Cyberangriffen pro Woche einen Anstieg von 24 Prozent gegenüber dem Vormonat, während Deutschland mit 433 bestätigten Ransomware-Vorfällen 2025 zu den drei weltweit am stärksten betroffenen Ländern zählt. Eine Umfrage der Ergo Reiseversicherung zeigt zudem, dass sich rund ein Drittel der Geschäftsreisenden vor Auslandsreisen nicht aktiv über Risiken informiert und 86 Prozent die Sicherheitsvorkehrungen des eigenen Unternehmens für unzureichend halten.
Eintrittswahrscheinlichkeit: Hoch – angesichts der aktiven, öffentlich bestätigten Kampagne und der branchenweit steigenden Angriffszahlen ist mit weiteren Vorfällen bei Geschäftsreisenden deutscher Unternehmen in den kommenden Monaten zu rechnen.
Empfehlung: Unternehmen sollten die Nutzung öffentlicher WLAN-Netze durch mobile Endgeräte per Richtlinie einschränken, VPN-Pflicht für Diensttelefone und -laptops auf Reisen durchsetzen sowie Reisende gezielt zu den Risiken von Hotel- und Flughafen-WLAN schulen.
Extremwetter und Waldbrände in Südeuropa
Der Hochsommer 2026 hat weite Teile Südeuropas mit anhaltender Hitze, Trockenheit und in der Folge Waldbränden getroffen. Nach Angaben des europäischen Klimawandeldienstes Copernicus mussten bislang bis zu 400.000 Menschen in Spanien, Frankreich, Griechenland, der Türkei und Portugal vor Flammen fliehen oder wurden unter Evakuierungshinweise gestellt; allein in Griechenland waren zuletzt beliebte Urlaubsorte auf der Chalkidiki-Halbinsel betroffen. Copernicus warnt vor „extremen“ Bedingungen in weiten Teilen Mittel- und Osteuropas in den kommenden Tagen.
Eintrittswahrscheinlichkeit: Hoch – solange die Hitze- und Trockenperiode anhält, sind weitere Waldbrände mit kurzfristigen Evakuierungen touristisch relevanter Regionen in Südeuropa in den kommenden Wochen wahrscheinlich.
Empfehlung: Reisende in betroffene Regionen sollten sich vor Abreise und während des Aufenthalts aktiv über lokale Waldbrandwarnstufen informieren, Fluchtwege der Unterkunft kennen und bei Evakuierungsanweisungen der Behörden ohne Verzögerung Folge leisten; Unternehmen sollten für Mitarbeitende vor Ort tagesaktuelle Lageupdates bereitstellen.
Geopolitische Eskalation im Nahen Osten
Die Verhandlungen zwischen Iran, den USA und Israel bleiben festgefahren; Präsident Trump hat dem Iran zuletzt mit einem umfassenden Wirtschaftskrieg gedroht, während die Frage einer möglichen Blockade der Straße von Hormus ungeklärt bleibt. Gleichzeitig sorgen israelische Siedlungspläne im umstrittenen E1-Gebiet sowie die ungelöste Frage der Entwaffnung der Hamas im Gazastreifen für anhaltende Spannungen in der Region. Das US-Außenministerium hatte bereits im Juli eine weltweite Sicherheitswarnung ausgesprochen, die ausdrücklich auf mögliche globale Auswirkungen der Nahost-Eskalation hinweist.
Eintrittswahrscheinlichkeit: Mittel – eine unmittelbare militärische Eskalation mit direkter Betroffenheit europäischer Reisender ist derzeit nicht das wahrscheinlichste Szenario, kann jedoch bei einer weiteren Verschärfung der Lage kurzfristig eintreten und hätte dann globale Ausstrahleffekte auf Reise- und Frachtrouten.
Empfehlung: Unternehmen mit Reisetätigkeit in die Golfregion und den weiteren Nahen Osten sollten Reisen dorthin einer laufenden Lagebewertung unterziehen, alternative Flugrouten für den Fall einer Sperrung des Golf-Luftraums vorhalten und Mitarbeitende vor Ort mit funktionierenden Kommunikationsmitteln für den Krisenfall ausstatten.
Fortgesetzter Drohnenkrieg zwischen Russland und der Ukraine mit Spillover-Risiko
Der jüngste Großangriff der Ukraine mit über 800 Drohnen auf russisches Gebiet sowie fortgesetzte russische Angriffe zeigen, dass sich der Krieg technologisch und geografisch weiter ausdehnt. Zunehmende Berichte über Drohnenüberflüge und beschädigte Unterseekabel im Ostseeraum sowie Meldungen über ukrainische Drohnenvorfälle im baltischen Luftraum verdeutlichen, dass NATO-Territorium zunehmend indirekt betroffen ist, ohne dass eine direkte militärische Konfrontation vorliegt.
Eintrittswahrscheinlichkeit: Mittel bis hoch – weitere einzelne Vorfälle mit kritischer Infrastruktur oder Luftraum in NATO-Anrainerstaaten der Ostsee sind in den kommenden Monaten wahrscheinlich, eine direkte militärische Eskalation zwischen NATO und Russland bleibt hingegen unwahrscheinlich.
Empfehlung: Reisende in die baltischen Staaten, nach Polen und in weitere Ostsee-Anrainerstaaten sollten sich vor Reiseantritt über aktuelle Luftraum- und Fährverbindungsbeschränkungen informieren und kurzfristige Umbuchungsoptionen einplanen.
Organisierte Kriminalität und Kartellgewalt in Lateinamerika
Die anhaltenden Auseinandersetzungen rivalisierender Kartellfraktionen in Mexiko, verstärkt durch die Tötung des Kartellchefs „El Mencho“ im Februar 2026, wirken bis in touristisch geprägte Regionen wie Puerto Vallarta und Guadalajara hinein. Zuletzt richtete sich die Gewalt verstärkt auch gegen Social-Media-Influencer in Sinaloa; nach Angaben lokaler Quellen wurden dort seit 2024 mindestens 20 Angriffe auf Influencer mit 14 Todesopfern registriert.
Eintrittswahrscheinlichkeit: Mittel – für Geschäftsreisende außerhalb unmittelbar betroffener Konfliktregionen bleibt das direkte Risiko begrenzt, kann sich jedoch bei Aufenthalten in oder Durchreisen durch Bundesstaaten mit aktiven Kartellauseinandersetzungen kurzfristig erhöhen.
Empfehlung: Vor Reisen in betroffene mexikanische Bundesstaaten sollte eine aktuelle Lagebewertung eingeholt, von nächtlichen Fahrten auf Überlandstrecken abgesehen und eine enge Abstimmung mit lokalen Sicherheitsdienstleistern oder der Botschaft erwogen werden.
Strategischer Ausblick für Deutschland und Europa
Die Ereignisse der vergangenen Woche und die identifizierten Risikofelder zeichnen für Deutschland und Europa das Bild einer Sicherheitslage, die sich nicht durch ein einzelnes dominantes Risiko, sondern durch das gleichzeitige Zusammentreffen mehrerer, sich teils gegenseitig verstärkender Entwicklungen auszeichnet. Die islamistische Bedrohungslage bleibt nach dem Anschlag auf den Berliner CSD ernst und diffus, da sie überwiegend von schwer vorhersehbaren Einzeltätern ausgeht. Parallel dazu wächst die Verwundbarkeit kritischer Infrastruktur gegenüber Drohnen und Sabotageakten, deren Urheberschaft – ob staatlich gelenkt oder kriminell motiviert – häufig unklar bleibt, deren operative Auswirkungen auf den Flug- und Bahnverkehr für Reisende aber unmittelbar spürbar sind. Hinzu tritt ein zunehmend professionalisiertes Cyberrisiko, das gezielt die Reisephase von Mitarbeitenden als Schwachstelle unternehmerischer IT-Sicherheit adressiert, sowie eine klimatisch bedingt zunehmende Häufung von Extremwetterereignissen in beliebten südeuropäischen Reisezielen.
Für Unternehmen mit relevanter Reisetätigkeit ergibt sich daraus die Notwendigkeit, Reisesicherheit nicht länger als Randthema der Personalabteilung, sondern als integralen Bestandteil des unternehmerischen Risikomanagements zu behandeln. Dies umfasst konkret die regelmäßige, tagesaktuelle Lagebewertung für alle Zielregionen vor und während der Reise, verbindliche Regelungen zur Nutzung öffentlicher Netzwerke und mobiler Endgeräte, geschulte Verhaltensweisen für Vorfälle mit Gewaltbezug im öffentlichen Raum sowie belastbare Rückfalloptionen bei Ausfällen von Flug- und Bahnverbindungen durch Streiks, Wetter oder Sicherheitsvorfälle. Angesichts der Erkenntnis, dass sich ein erheblicher Teil der Geschäftsreisenden nach eigener Aussage nicht ausreichend informiert und die unternehmensseitigen Sicherheitsvorkehrungen mehrheitlich als unzureichend empfindet, liegt hier ein unmittelbarer und vergleichsweise kosteneffizienter Hebel zur Reduktion des unternehmerischen Gesamtrisikos.
© Jörg Nubert & Wolfgang Koestner GbR, ›Geschäftsreise News‹, Foto: Pixabay/Ki-generiert/eigene Bilder. Hinweis: Bei der Recherche und Analyse dieses Beitrags wurde unterstützend AI eingesetzt. Die redaktionelle Verantwortung für den Inhalt liegt bei der Redaktion. Alle Rechte vorbehalten, all rights reserved. Eine Weiterverwendung durch Dritte ist ohne ausdrückliche Genehmigung der Redaktion nicht gestattet.