Die europäische Luftfahrtindustrie steht vor einer beispiellosen Herausforderung: Eine drohende Kerosinknappheit könnte den Sommerreiseverkehr 2026 massiv beeinträchtigen. Die International Air Transport Association (IATA) und die Internationale Energieagentur (IEA) schlagen Alarm. IEA-Chef Fatih Birol warnte kürzlich öffentlich, dass Europa nur noch über Kerosinreserven für etwa sechs Wochen verfüge.
Diese ungewöhnlich deutliche Warnung signalisiert ein systemisches Versorgungsrisiko für den gesamten Kontinent, das durch die anhaltenden Konflikte im Nahen Osten und die faktische Blockade der Straße von Hormuz ausgelöst wurde.
Die Auswirkungen auf den Flugbetrieb sind bereits spürbar. Willie Walsh, Generaldirektor der IATA, erklärte, dass ohne eine rasche Verbesserung der Versorgungslage ab Ende Mai 2026 mit physischen Flugstreichungen in ganz Europa zu rechnen sei. Es gehe nicht mehr nur um steigende Ticketpreise, sondern um stillgelegte Flugzeuge und leere Gates. Die Krise zwingt die Fluggesellschaften zu drastischen Maßnahmen. So hat die Lufthansa angekündigt, bis Oktober 2026 rund 20.000 Kurzstreckenflüge zu streichen und 40 ihrer ältesten Flugzeuge vorübergehend stillzulegen. Auch KLM hat bereits 80 europäische Routen aus dem Flugplan genommen, da diese aufgrund der explodierenden Treibstoffkosten bei den aktuellen Ticketpreisen nicht mehr rentabel zu betreiben sind.
Für Geschäftsreisende bedeutet diese Entwicklung erhebliche Einschränkungen und steigende Kosten. Die Ticketpreise auf den betroffenen Strecken sind bereits um 24 bis 50 Prozent gestiegen. Besonders hart trifft es Reisende innerhalb Europas, die mit Flugstreichungen, Umbuchungsverzögerungen von zwei bis drei Wochen und deutlich höheren Tarifen konfrontiert sind. Nordamerikanische Reisende, die über die Drehkreuze Frankfurt oder München umsteigen, müssen mit Verspätungen von vier bis acht Stunden oder Umleitungen über London und Paris rechnen.
Die Fluggesellschaften versuchen, die Situation durch Treibstoffabsicherungen (Hedging) abzufedern. Während Ryanair durch langfristige Verträge bis Ende 2026 relativ gut geschützt ist, geraten Airlines mit geringerer Absicherung zunehmend unter Druck. Die Lufthansa hat zwar 80 Prozent ihres Kerosinbedarfs für 2026 abgesichert, doch die verbleibenden 20 Prozent auf dem Spotmarkt zwingen das Unternehmen, unrentable Randrouten zu streichen.
Die IATA fordert die Regierungen und Aufsichtsbehörden dringend auf, koordinierte Notfallpläne zu entwickeln. Dazu gehören auch mögliche Rationierungsmaßnahmen und Erleichterungen bei den Slot-Regelungen an den Flughäfen. Für Travel Manager bedeutet dies, dass sie ihre Reiserichtlinien anpassen und alternative Transportmittel wie die Bahn noch stärker in Betracht ziehen müssen, um die Mobilität ihrer Mitarbeiter in den kommenden Monaten sicherzustellen.
Quelle: TravelPulse Canada